Stirner-Forscher Rolf Engert und Anselm Ruest
  Leipzig, den

Stirner-Forscher Rolf Engert und Anselm Ruest

Rolf Engert

Die Familie Engert von links nach rechts:
Vater, Rolf, Johanna, Mutter, Fritz, Horst
Das Geburtshaus Rolf Engerts
   
Rolf Engert in seinem Arbeitszimmer in der Wohnung am Wachwitzer Weinberg (um 1921/22) Zusammen mit Paul Klemm (um 1922/23)
   
Rolf Engert (1936) Rolf Engert (1954)
Georg Blume am Grabe von Rolf und Käthe Engert (1999)
Aufschrift auf dem Grabstein:

Käthe Engert-Hilt
7. Nov. 1888 - 2. Nov. 1947
Aachen / Dresden

Rolf Engert
31 Okt. 1889 - 23. Jan. 1962
Frankenberg/Sa. / Dresden

Auf der Grabplatte steht
in chinesischen Lettern geschrieben:

Im Leben ohne Rang
Im Tode ohne Titel
Nicht sammelnd irdische Schätze
Nicht sammelnd irdischen Ruhm

Äußere Einteilung meines Lebens

Mein bisheriges Leben gliedert sich – rein äußerlich betrachtet – durch ausgeprägte Einschnitte nach scharf umrissenen Jahrzehnten.
1889 bin ich geboren.

Das 1. Jahrzehnt 1889-1899 umfaßt meine Kindheit in Frankenberg.
1899 erfolgte die Übersiedelung meiner Familie von Frankenberg nach Dresden.

Das 2. Jahrzehnt 1899-1909 umfaßt meine Schulzeit in Dresden.
1909 mache ich mein Matur und bezog die Universität.

Das 3. Jahrzehnt 1909-1919 umfaßt meine Studien- und Lehrjahre im weiteren Sinn.
1919 erfolgte die Niederlassung in Dresden.

Das 4. Jahrzehnt 1919-1929 – als die "Tolkwitzer Jahre" bezeichnet wegen des Zusammenwohnens mit meiner Mutter in Dresden-Tolkwitz – hat die Bedeutung einer weiteren Vorbereitungszeit, da sich meine vielfältigen künstlerischen und wissenschaftlichen Pläne als Pläne entwickeln.
1929 erfolgte die Übersiedelung in ein eigenes Heim: Dresden Wachwitz, Kgl. Weinberg.

Das 5. Jahrzehnt 1929 ff. – das noch nicht abgeschlossen ist – bedeutet die beginnende Ausführung meiner verschiedenen Pläne.
Der Sinn meines Daseins könnte sich nur ründen, wenn ihm noch ein 6. Jahrzehnt, ganz oder teilweise folgte, das die Vollendung meiner verschiedenen Pläne brächte.

23. März 94 n. St’s E.

Erstmals abgedruckt in: DER EINZIGE. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Heft 4/1999.

Bibliographie der Werke von Rolf Engert

Anselm Ruest

Anselm Ruest in Bernau bei Berlin 1930

 

Anselm Ruest (um 1900)  
Amselm Ruest um 1930

Die Vita ANSELM RUESTs ist außerordentlich lückenhaft. Es ist kaum etwas mit Daten zu belegen. Wir wissen, daß ANSELM RUEST am 24. August 1878 in Culm in Westpreußen, als ERNST SAMUEL geboren wurde. Wir wissen, daß er zwischen 1897 und 1902 in Berlin Theologie, orientalische Sprachen, Philosophie und Literatur studierte und daß er 1907 in Würzburg promovierte. Seine Dissertation hatte den Titel "Hat die innere Wahrnehmung einen Vorzug vor der äußeren?" Dann lebte er als Kritiker und philosophischer Schriftsteller in Berlin. 1911 gründete er zusammen mit FRANZ PFEMFERT und KURT HILLER die "Aktion", 1912 zusammen mit ALFRED RICHARD MEYER und HEINRICH LAUTENSACK die "Bücherei Maiandros". [ANSELM RUEST = ERNST SAMUEL]

Am 6. Mai 1933 verließ ANSELM RUEST mit seiner Familie, Frau, Tochter, Sohn, Berlin und emigrierte nach Paris. Unmittelbar zuvor war RUEST beim Rundfunk untergekommen und hielt dort Vorträge über literarische und philosophische Themen. Den letzten Vortrag hielt er im Januar 1933 über JULIUS BAHNSEN. In Paris war er Mitarbeiter der "Pariser Tageszeitung" und Mitbegründer der "Phönix-Bücher". Sein Band "Deutsche und Arier" eröffnete diese Buchreihe. 1934 gründete er mit dem Sexualwissenschaftler MAGNUS HIRSCHGELD die "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, Kunst und Literatur im Ausland. Sitz Paris", deren Generalsekretär RUEST war. 1938 bekam er ein Rockefeller-Stipendium zur Fortführung seiner philosophischen Studien. 1939 begann eine unmenschliche Odyssee von Internierungslager zu Internierungslager: September 1939 Stades Colombes, dann in einem Zirkuszelt bei Blois, dann in einer Scheune in Francillon bei Blois, einen feuchten und kalten Winter lang. Im Frühjahr 1940 Cépois bei Montargis, im Juni 1940 nach Marseille, um nach Algier verschifft zu werden. Da aber keine Schiffe zur Verfügung standen, Einweisung in das gefürchtete Lager Les Milles bei Aix, schließlich in das Lager von St. Nicolas bei Nimes, aus dem er im September 1940 als ‘grand malade’ entlassen wurde. Sein Sohn FRANK wurde wegen seiner Aktivitäten im französischen Widerstand von den Deutschen erschossen. RUEST starb nach schwerer Krankheit am 18. November 1943 in Carpentras (Vaucluse). Hartmut Geerken.

Quelle: DER EINZIGE. Jahrgang 1 und Folge I-III mit einem Nachwort von Hartmut Geerken. Band 1 und 2. (Kraus Reprint) München 1980. p. 346.

Zeittafel

  • 24. August 1878: geboren in Kulm bei Danzig
  • 1889: Humanistisches Gymnasium in Kulm
  • 1897-1905: Studium in Berlin und Würzburg: Theologie, orientalische Sprachen, Philosphie, Geschichte und Literatur.
  • 1898: Anselm Ruest entdeckt für sich Max Stirners "Der Einzige und sein Eigentum".
  • 1905: Dissertation bei Prof. Külpe: "Hat die innere Wahrnehmung einen Vorzug vor der äußeren?"
  • 1906: Fortsetzung der Studien über das Ich und das Wesen der Individualität: "Stirnerbrevier. Die Stärke des Einsamen"; Herausgabe: Clemens Brentano "Godwi oder das steinerne Bild der Mutter"
  • 1907: Herausgabe von Eckermauns Gesprächen mit Goethe
  • 1908: "William Shakespeare. Sein Leben, seine Dichtung"
  • 1910: "Napoleon 1"
  • 1911: Begründung und Herausgabe der kulturpolitischen Zeitschrift "Die Aktion" (zusammen mit Franz Pfemfert und Kurt Hiller)
    Herausgabe von Werken von Victor Hadwiger, dessen Nachlaßverwalter Ruest war: "Wenn unter uns ein Wanderer ist"; "Abraham Abt" und Jean Paul im "Garten der Freude".
  • 1912/14: Herausgabe der literarischen Zeitschrift "Die Bücherei Maiandros" (zusammen mit Heinrich Lautensack und Alfred Richard Meyer)
  • 1913: "Appollodoros. Ein Dialog über Lyrik"
    Ich war in Kleinasien, und zwar hatte mich damals Aspasia geschickt, die Milesierin, Grüße zu bringen nach ihrer Vaterstadt.
  • 1914: Austritt aus der "Aktion"
  • 1919-1925: Begründung der Zeitschrift "Der Einzige",
    die gegenüber den damals überwiegend kollektivistischen Tendenzen den Individualitäts- und Persönlichkeitsgedanken verficht und ausdrücklich gegen "jede Massensuggestion und Massenpsychose" kämpfen wollte.
    Im ersten Jahrgang 1919 war Mynona [Salomo Friedlaender] Mitherausgeber.
  • 1921 (?): Herausgabe von Christian Reuter "Schellmuffsky von Schelmerode"
  • 1924: Herausgabe von Max Stirner "Der Einzige und sein Eigentum"
  • 1925: "Prolegomena des Personalismus", d. i. erster Entwurf eines eigenen philosophisch-personalistischen Systems (auf den Fundamenten Goethes, Stirners und Bahnens); Herausgabe der "Denkwürdigkeiten von Johann Jacob Rousseau" von Helfrich Peter Sturz (1736-1779)
  • 1927-1930: Ausführung des geschichtlichen Teils des personalistischen Systems. 1. Band (zugleich als 4. unveränderte Auflage des "Max Stirner" angelegt).
    Zur Fertigstellung und Drucklegung dieses Bandes hatte die "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, Berlin" eine monatliche Unterstützung gewährt; die Druckzuschüsse wurden - unter Brüning - dann nicht mehr geliefert.
  • 1931-1933: Hinwendung zu neuen philosophisch-historischen Arbeiten, u. a. Herausgabe des wissenschaftlichen Nachlasses von Julius Bahnsen erschienen 4 Bände, weitere durch Emigration verhindert.
    Referent für Philosophie an der Vossischen Zeitung; Mitarbeiter des Schopenhauer Jahrbuchs und Mitglied des P.E.N.-Clubs
  • 1932: Mitarbeiter am Berliner Rundfunk. Letzte Sendung im Januar 1933 über Julius Bahnsen.
  • 6. Mai 1933: Emigration mit Frau, Tochter und Sohn nach Frankreich, Mitarbeiter der "Pariser Tageszeitung"
  • 1934: Zusammen mit dem Sexualwissensehaftler Magnus Hirschfeld gründet Ruest die "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft. Kunst und Literatur im Ausland. Sitz Paris", deren Generalsekretär er war.
  • Oktober 1935: Mitbegründer der "Phönix-Bücher"; Ruests Band "Deutsche und Arier" eröffnete die Reihe.
    In dieser Anthologie wird die abgrundtiefe Kluft, die das heutige Deutschland von sämtlichen anderen zivilisierten Staaten scheidet, noch einmal wie in einem scharfen Projektionsapparat sichtbar. Ohne daß ein direktes Wort der Anklage oder Verurteilung fällt, sitzt hier das ehemalige, kultivierte Deutschland der Lessing, Kant, Goethe über die gegenwärtigen Machthaber des "Dritten Reiches" zu Gericht, um schon jetzt das sichere Mene-Tekel der Geschichte wie in Flammenschrift vor ihnen aufblitzen zu lasse.
  • 1937/38: Plan einer IV. Folge des "Einzigen" unter dem Titel "Die Empörung". Die Zeitschrift kommt aber nicht über die Planung hinaus.
    Diese Zeitschrift will nichts, als aussprechen, was ist. Ein großes - oder auch nur kleinstes Versprechen, als ob nicht schon stündlich, ja minütlich alle Kabel und Megaphone, Flugposten und Reporter von Tatsachen überquöllen, jetzt etwa meldend, daß Mörder sich mit Verdienstkronen schmückten, gestern noch, daß ein Heer ohne Kriegserklärung eine große Stadt in Brand geschossen, wenige Zeit früher, daß man ein friedliches Dorf mit tausend Bewohnern vom Erdboden rasiert habe, hauptsächlich um die äußerste Wirkung von Fliegerbomben zu erproben. Wird solches und ähnliches uns nicht schon seit Jahren fast täglich berichtet, Wirkliches und Seiendes, und - genügt es uns etwa nicht? Es genügt uns zu sehr, doch vermissen wir dauernd noch einen letzten Wahrheitszug im Ausdruck: den erschütterten Menschen davor; der diese seine Erschütterung nicht abschütteln, sie nicht wieder loswerden kann noch will.
  • 1939: Rockefeller-Stipendium zur Fortführung seiner philosophischen Studien
  • September 1939: Internierung im Stades Colombes, einem Amphitheater, anschließend Internierung in einem Zirkuszelt bei Blois, anschließend Internierung in einer Scheune in Francillon bei Blois
  • Frühjahr 1940: Internierung in Cépois bei Montargis
  • Juni 1940: Transport im Viehwaggon nach Marseille, um nach Algier verschifft zu werden. Da keine Schiffe mehr zur Verfügung stehen, Einweisung in das Lager Les Milles bei Aix, anschließend ins Lager von St. Nicolas bei Nimes
  • September 1940: Als "grand malade" aus dem Internierungslager entlassen
  • 18. November 1943: Anselm Ruest stirbt nach langer schwerer Krankheit in Carpentras (Vaueluse).

Quelle: Maßnahmen des Verschwindens. Salomo Friedlaender/Mynona, Anselm Ruest, Heinz-Ludwig Friedlaender im französischen Exil. Ausstellung und Hörspiele von Hartmut Geerken. (Kulturreferat München, Bayrischer Rundfunk Hörspiel) München 1993, pp. 107/108.