"Eine halbe Wahrheit ist schlimmer als eine ganze Lüge."

An dieses Wort von Johannes Rau fühlte ich mich erinnert, als ich die Abhandlung von Herrn Stephan Müller zum Thema „Stirner-Ehrung“ im „Anzeiger“ vom 13. September las. Um es vorweg zu sagen: Ich bin kein Stirner-Adorant und gerade auf Grund einer dreizehnjährigen Beschäftigung mit Stirner einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Mann keineswegs abgeneigt. Doch steht es wohl jedem, der einen Menschen und sein Werk kritisiert, gut zu Gesicht, sich vorab mit dem Gegenstand der Kritik so eingehend zu beschäftigen, dass er nicht darauf angewiesen ist, seine Polemik in erster Linie gegen Idiosynkrasien aus zweiter und dritter Hand zu führen, die mit Stirners Person und Werk kaum mehr zu tun haben als den Umstand, dass Stirners Name in ihnen erwähnt wird.

Da wäre zunächst einmal die im Brustton unfehlbarster (doch, das Wort ist offensichtlich steigerbar!) Gewissheit und tiefster Befriedigung vorgetragene Behauptung, Max Stirner habe kaum öffentliches Interesse gefunden. Eine kleine Recherche im Internet hätte genügt, um Herrn Müller zum Beispiel auf die von Herrn Dr. Bernd Kast zusammengestellte Stirner-Bibliographie zu stoßen, die auf läppischen 270 Seiten mehrere tausend Monographien und Aufsätze – von der naiven Adoration bis hin zu ausgefeilten Polemiken, seriösen Dissertationen und Habilitationen – über Max Stirner aufführt; allein über zweitausend davon können im Stirner-Archiv in Leipzig frei nachgelesen werden. Für einen publizistischen Nachlass, der auf nicht einmal 800 Seiten passt, ein recht beachtliches „Nicht-Interesse“, bekundet von einer erklecklichen Zahl von Philosophen, Schriftstellern, Dichtern und bildenden Künstlern, von Freunden und Feinden. Sieht so die Bibliographie eines „Vergessenen“, das Echo auf bloße „Abstrusitäten“ ohne jeden Belang aus? Nebenbei bemerkt: Demnächst – vom 25. bis 28. Oktober - findet in Berlin ein wissenschaftliches Symposium über Stirner statt – an der Freien Universität, mit freundlicher Förderung durch die Fritz-Thyssen-Stiftung, eine der bedeutendsten Institutionen der Wissenschaftsförderung, die ganz gewiss kein Geld für die Belanglosigkeiten eines „Wirrkopfs“ ausgibt.

Aber lesen wir weiter. „Nichts Interessantes über Stirner“ gebe es in Bayreuth. Ach ja? Das Beste an diesem Statement ist, dass es stimmt – leider. Allein: Eine solche Feststellung in den Raum zu werfen, das ist schnell getan; die Ursachen für diesen Umstand zu ergründen und darzutun, dafür fehlte Herrn Müller wohl bedauerlicherweise die Zeit. Sonst hätte man in seinem Artikel gewiss lesen können, dass das Geburtshaus Maximilianstraße 31 Anfang der 1970er Jahre gegen den Willen engagierter Bayreuther Bürger und auch gegen den Willen maßgeblicher politischer Kreise – darunter Oberbürgermeister Wild –, denen damals leider keine effektive denkmalschutzrechtliche Handhabe zur Verfügung stand, abgerissen wurde.

Man hätte bei ihm auch lesen können, dass sich in dem Geburtshaus ein Gasthof befand, der in den 1920ern den Namen „Stirnerhaus“ erhielt. Der Stadtoberarchivrat Prof. Dr. Bernhard Rost richtete dort unter Verwendung von Bild- und Dokumentreproduktionen eine kleine Gedenkstätte, die „Philosophenecke“, ein. Übrigens war dieser Professor Rost nicht nur Beamter, sondern zu allem Überfluss ein Nicht-Alldahiesiger aus Sachsen und bekennender Konservativer, der mit „anarchistischen“ Ideen bestimmt nicht viel am Hute hatte und aus dessen 1928 in der Heimatbeilage „Bayreuther Land“ erschienenen Artikeln Klugheit, Besonnenheit und alles andere als unkritische Bejubelung sprechen. Dies hinderte ihn allerdings nicht daran, den „ungewöhnlichen Kopf“ als „bedeutenden Menschen“ „wertzuschätzen“ und ihm „eine - wenn auch lächerlich kleine – Gedächtnisstätte“ zu widmen – „ich, der Konservative, dem Revolutionär“.

Als das Stirnerhaus dem Bagger zum Opfer fiel, rettete der neue Eigentümer immerhin Erinnerungsstücke aus der „Philosophenecke“, von denen er nachweislich mindestens eine Portraitzeichnung dem Stadtmuseum überließ. Als ich vor einigen Jahren beim Stadtmuseum unter konkreter Bezugnahme auf die fragliche Information nach dem Verbleib der Gegenstände aus dem „Stirnerhaus“ fragte, ward mir allerdings die Auskunft zuteil, dass man dortselbst nichts über deren Verbleib sagen könne ... Nun ja, um die Bewahrung der Reminiszenzen an Bayreuths Brauereidynastien ist man im Alten Gymnasium sichtlich besorgter – wie hieß es so schön in einem preisgekrönten Werbespot: „Manchmal muss man eben Prioritäten setzen“.

Der Vollständigkeit halber sei noch vermerkt: Das Wohnhaus Stirners in der Maximilianstraße 36 fiel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Es dürfte selbst Herrn Müller schwer fallen, dies als brauchbaren Beleg für ein womöglich gar berechtigtes Desinteresse an Stirner zu werten. Und nicht zuletzt: Die antifaschistischen Stadtväter und -mütter der Nachkriegszeit hielten Stirner immerhin für würdig genug, eine Straße nach ihm zu benennen – in direkter Nachbarschaft zu illustren Geistern wie Arthur Schopenhauer und Gerhart Hauptmann. Und das finde ich eigentlich schon bemerkenswert.

Nun ist unbestreitbar: Über Stirners Ideen kann man natürlich, wie über alles, dieser oder jener Meinung sein. Wenn es Herrn Müller beruhigt, so will ich ihm gern zur Kenntnis geben, dass auch ich Stirner nicht auf eine Stufe mit den ganz großen „Kalibern“ der Geistesgeschichte stelle. Vieles liest sich polemisch, eine umfassende und abschließende „Welterklärung“, um die sich die herausragenden philosophischen Denker wie Descartes, Fichte, Leibniz, Hegel, Marx und Engels mit mehr oder weniger Überzeugungskraft und Erfolg bemühten, liefert Stirner nicht; sein Werk kann eher als eine über weite Strecken empirisch erarbeitete menschenkundliche Studie genommen werden. Insoweit sollte man Stirner vielleicht eher zu den „kleinen Propheten“ der Philosophie rechnen, die in der Geistesgeschichte freilich ebenso ihren festen Platz beanspruchen können wie die „kleinen Propheten“ des Alten Testaments in der Bibel.

Doch wie auch immer man nun zu Stirners Schlussfolgerungen stehen mag, zu seiner Absage an eine unhinterfragte blinde Unterwerfung unter „heilige“ Rechts- und Moralprinzipien, in denen er immer einen Ausfluss von erfolgreich gesicherter Macht, Trägheit und Verkrustung sieht, und zu seiner Postulierung des Eigeninteresses, des „Egoismus“, zur eigentlichen Triebkraft allen menschlichen Handelns: Diese Meinung sollte, nochmals sei es betont, zumindest auf einer eingehenden Lektüre des Werkes selbst beruhen. Davon merke ich in Herrn Müllers Ausführungen allerdings herzlich wenig. Seine „Analyse“ von Stirners Werk erinnert mich eher an einen alten Radio-Eriwan-Witz. Anfrage an Radio Eriwan: Kann sich die KPdSU irren? Antwort: Im Prinzip ja; tatsächlich aber irrt sich die Partei nie. Rückfrage: Woher wissen Sie das? Antwort: Wir haben die Partei gefragt.

So auch Herr Müller. Ausführlich zitiert er eine staatliche Zensurstelle von anno 1844 als Kronzeugin herbei. Merke: Der königlich sächsische Regierungsrat Klawuttke qualifizierte – ganz „his master’s voice“ – Stirner vor 160 Jahren als „abscheulich“ und „beschränkt“, und dann wird’s ja wohl auch stimmen – so wie sich ja unbestreitbar auch gewisse hochoffizielle Werturteile über Hoffmann von Fallersleben oder Heinrich Heine, Erich Kästner oder Sigmund Freud, Stefan Heym oder Alexander Solschenizyn als zeitlos gültig erwiesen haben. Nebenbei bemerkt: Die Obrigkeiten in Preußen, Österreich, Mecklenburg-Schwerin und Kurhessen hielten das Verbot des „Einzigen“ dauerhaft aufrecht und folglich den „Einzigen“ nicht für ganz so „ungefährlich“. Das ist für sich genommen natürlich noch kein Qualitätsurteil für ein Buch – das Fehlen dieser Information scheint mir aber durchaus ein Qualitätsurteil für die Akribie und/oder die argumentative Sorgfalt gewisser Bayreuther Journalisten zu sein.

Gekrönt wird das Ganze von der Aussage eines „jungen Bayreuther Redakteurs“, der Stirner als einen „Punk seiner Zeit“ apostrophierte, und das selbstredend „völlig zu Recht“. Die Begründung dafür, weshalb dieses eher von viel jugendbewegtem Wunschdenken als von einer eingehenden Beschäftigung mit Stirner zeugende Verdikt „völlig zu Recht“ ergangen sei, sucht man indes bei dem „jungen Bayreuther Redakteur“ Zinnecker wie bei Müller vergebens. Beide hätten sich damit auch schwer getan; wie Stirner selbst über eine solche Einstufung gedacht hätte, lässt sich leicht aus dem „Einzigen“ erschließen. Dortselbst spöttelt Stirner hingebungsvoll über die „alle Rücksichten aus den Augen setzenden“ „wilden Burschen“, quasi die „Punker“ seiner Zeit, die er als umgekehrte Philister und Reaktionäre verlacht, alldieweil sie in ihrem penetrant-demonstrativen „Dagegensein“ allzu oft das, wogegen sie sind, letztlich doch wieder umgekehrt als Norm ihres Lebens und „Inhalt ihres Treibens“ anerkennen. Stirner ist („völlig zu Recht“?) der Ansicht, dass dieses bloß ins Negative gekippte Philistertum herzlich wenig mit Selbsterkenntnis, Selbstbewusstsein, Individualität zu tun habe; seine Aufforderung an einen jeden lautet: „Sei Du selbst“ und „Hinterfrage bewusst alles um Dich herum“, was etwas anderes ist als „Sei notorisch ,dagegen'“ und „Raufen, Saufen, Randalieren, Scheiße an die Wände schmieren“.

In diesem Sinne verwirft Stirner auch unmissverständlich ein destruktives Kulturrevoluzzertum, das manisch-selbstzweckhafte „Abnabeln“ von der Geschichte. Er verehrt die Historie, die Tradition zwar auch nicht als „heilig“, wohl aber achtet und erachtet er sie als nützlich und lehrreich für jeden Einzelnen, auch und gerade bei seiner Selbstkonstituierung als freies, mündiges Individuum. Dementsprechend lautet auch sein Plädoyer: „Ich nehme mit Dank auf, was die Jahrhunderte der Bildung Mir erworben haben; nichts davon will Ich wegwerfen und aufgeben“.

Und hätten Herr Müller und sein Kronzeuge Zinnecker einmal in einer x-beliebigen ausführlicheren Darstellung von Stirners Leben nachgeschlagen, so wüssten sie, dass Stirner selbst als ein gelassener und allürenloser Mensch bekannt (und bei manchen berufsmäßigen „Antis“ und notorischen Profilneurotikern verrufen) war, der für Piercing-Orgien und Irokesenfrisur wohl vor allem ein nachsichtiges Lächeln übrig gehabt hätte. Hören wir, was John Henry Mackay für seine Stirner-Biographie herausfand:
„Einfach, aber stets mit peinlicher Sorgfalt und Sauberkeit gekleidet, war seine gedrungene Erscheinung durchaus die eines Menschen ohne jede äußere Prätention, und wenn er hier und da für einen Dandy erklärt wurde, so mag daran erinnert werden, daß manche schon jeden ordentlichen, wenn auch noch so einfach gekleideten Menschen für einen Stutzer halten, was Stirner ganz gewiß nicht war. ... Nie erschien er vernachlässigt, wenn er auch in späteren Jahren, als Not und Vereinsamung ihn bedrängten, nicht mehr die alte Genauigkeit auf sein Äußeres verwandt haben mag. ... Hinter der Brille blickten helle, blaue Augen ruhig und sanft, weder träumerisch noch durchbohrend, auf Menschen und Dinge. Den ... Mund umspielte gern ein freundliches Lächeln, das sich indessen mit den Jahren verschärfte und die innerliche Ironie verriet, wie überhaupt von manchem eine ‘stille Geneigtheit zum Spott’ bei Stirner bemerkt wurde. Dieser Zug, von anderen wieder als Verbitterung ausgelegt, hatte ihn aber in den Jahren, in denen er uns hier erscheint, sicher noch nicht ergriffen, und hat sich noch weniger jemals gegen irgend jemand verletzend gewandt. ... Alles in allem war so seine stattliche Erscheinung durchaus sympathisch. Selbstbewußt, ruhig, ohne hastige und eckige Bewegungen, soll ihr ein leiser Zug von Pedanterie nicht gefehlt haben.“
Was das alles mit der – laut ZEIT-Lexikon, Band 11, 2005, S. 596 – „jugendl. Subkultur“ zu tun haben soll, deren Profil als berufsmäßige Gegner „der Konventionen dieser Gesellschaft“ sich weitgehend „in einer provozierenden und schockierenden äußeren Erscheinung (grellbunte Haarfarben, Irokesenschnitt, entsprechende Kleidung“ oder überhaupt nur noch im profilneurotisch-masturbantenhaften Mitlaufen in der „kommerzialisierte[n] ... spaßigste[n] Jugendbewegung des Jahrhunderts’“ erschöpft, dürfte sich nicht nur mir schwerlich erschließen. Für diese farbenfrohsten Früchte bundesrepublikanischer Kulturentwicklung dürfte Stirner eher ein kleinbürgerlich-reaktionäres Schreckgespenst als ein Idol sein. Dies gilt übrigens auch für die anarchistische Bewegung: Letztlich gehört Stirner nur für eine Minderheit der Anarchisten, bei radikal-liberalen, „individualistischen“ und „anarcho-kapitalistischen“ Gruppen, zu den „Vordenkern“. Bei den mehr oder minder stark von sozialistischen Ideen beeinflussten „linken“ Anarchisten hingegen, die in der Anarcho-Szene die Oberhand besitzen, gilt er überwiegend als kleinbürgerlicher Zeterer, dem es am „Klassenstandpunkt“ und am Willen zur Revolution gemangelt habe ... Aber bitte – chacun à son goût.

Ja, und „schwer verdaulich“, „hemmungslos“, überheblich und weiß Gott was noch alles sei Stirners Werk. Nun, philosophische Bücher sind im Allgemeinen nicht dafür bekannt, als Lektüre für den schnellen Konsum auf dem stillen Örtchen oder vor’m Einschlafen zu taugen. Was dies anbelangt, gehört Stirner ohnehin wohl eher zu den leichteren „Gerichten“. Ein bisschen gutwillige „Anstrengung des Begriffs“ – um mit Hegel zu sprechen – braucht es aber auch hier, um zu einem kompetenten Urteil zu gelangen.
Was die „Hemmungslosigkeit“ angeht, so merkt jeder aufmerksame Leser (zumal wenn er sich noch mit Stirners Leben und Wesen vertraut gemacht hat), dass das groß geschriebene „Ich“ eher eine Abstraktion zum Ausdruck bringt: Stirner bietet im „Einzigen“ keine Autobiographie dar, sondern ein Manifest der Individualität, der „Ichheit“, das sich jeder Leser ganz individuell durch den Kopf gehen lassen soll, um seine ganz eigenen Schlüsse für sein persönliches Leben zu ziehen.

Übrigens sind im „Einzigen“ auch die Anreden „Du“ und „Ihr“ konsequent groß geschrieben; der Andere wird vom „Ich“ also als gleichrangig geachtet, womit Stirner die kürzestmögliche Formel für sein Gesellschaftskonzept findet: Den durch keinen anderen „Zwang“ als die Einsicht in die Nützlichkeit produktiven arbeitsteiligen Zusammenwirkens gebotenen Zusammenschluss freier Individuen zu „Vereinen“ nämlich, dieweil Stirner klipp und klar die Vorstellung verwirft, dass „Mir alles möglich“ sei, und damit selbst den Vorwurf einer „Hemmungslosigkeit“ ad absurdum führt. Diese alles andere als asoziale und rücksichtslos selbstüberhebende Vorstellung von einer Gesellschaft, in der die Freiheit des Einzelnen Unterpfand für Freiheit, Glück und Wohl aller (aller, und eben nicht nur eines einzelnen „Übermenschen“) ist, steht bei Stirner im Vordergrund, auch wenn Stirner seine Absage an die blinde, frag-lose Unterwerfung unter „heilige Ordnungen und Gesetze“ mit zugegebenermaßen oft unangenehm drastischen Wendungen und Vergleichen deutlich macht.

Einen Satz wie „Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich Mir’s selbst nicht verbiete, wenn Ich selbst Mich nicht vorm Morde als vor einem „Unrecht“ fürchte“ kann man als Untergriff empfinden und werten. Aber ein Vergleich sei gestattet: Im Neuen Testament spricht Jesus davon, dass wahre Jüngerschaft damit einhergehe, zu Gunsten der Liebe zu Gott und Jesus die eigene Familie zu „hassen“ ... und doch weiß jeder Bibelkenner, dass Jesus hier nur den bekannten Spruch „Manchmal muss man eben Prioritäten setzen“ in ein sehr plastisch-drastisches verbales Gewand gekleidet hat und dieser Satz nicht dazu taugt, Jesu Aufruf zur Nächstenliebe – der natürlich auch und gerade für die nächsten Angehörigen gilt – zu relativieren. Und so ähnlich verhält es sich auch bei Stirner: Erst wer sich den Überblick über das Ganze verschafft, ist vor Missverständnissen gefeit, denen man sich schnell aussetzt, wenn man sich nur – am Gängelband voreingenommenen Sekundär- und Tertiärschrifttums – auf ein paar isolierte plakative Sentenzen stürzt. Stirners Buch ist eben kein Leitfaden für mörderische Amokläufe größenwahnsinniger Egomanen, sondern ein durchaus soziales Buch, das jedem „Einzigen“ zwei Grenzen der Selbstentfaltung vor Augen hält: die Grenzen der individuellen Fähigkeiten – und die gleiche Freiheit jedes anderen gleichrangigen „Einzigen“.

„Ich bin Ich und Du bist Ich“ – kürzer kann man den Grundsatz der Gleichrangigkeit und des Respekts ganz im Sinne eines „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ kaum fassen. Und so sollen sich eben auch für Stirner die Menschen zu ihrem individuellen Vorteil miteinander „verständige[n] ..., um durch die Übereinkunft [ihre] Macht zu verstärken und durch gemeinsame Gewalt mehr zu leisten, als die einzelne bewirken könnte.“ Nur eben: in Freiheit, ohne zur Rücksicht auf unhinterfragte „heilige“ Normen (die immer zur Sicherung der Macht und der Vorteile bestimmter Machtträger dienen) gezwungen zu sein, und bei allem Schauen auf den eigenen Vorteil doch stets in Achtung vor der Persönlichkeit, den Werten und Normen anderer. Das ist das ganze grauenhafte Geheimnis dieses ach so erschröcklichen Buches – war’s wirklich so schlimm?

Zum Abschluss zitiert Herr Müller dann noch Pauls Absage an eine Verehrung „großer Söhne“. Bravo! Und weil man in Bayreuth ganz im Sinne Jean Pauls die „selbstgemachte“ Lokalprominenz nicht verehren will, betreibt man stattdessen einen quasi-religiösen Kult um einen „Zugereisten“. Da stört dann offenbar auch nicht, dass jener mit seinen Sympathien für germanentümelnde und antijüdisch-rassistische Ideen eigentlich mindestens so anstößig sein sollte wie Stirner mit seinem streckenweise überschwänglich formulierten „Egoismus“. Na, vielleicht erklingen die Weisen des Großen Meisters vom Grünen Hügel alsbald etwas leiser, wenn sich herumspricht, dass Wagner in jungen Jahren Stirner kannte und offenbar durchaus schätzte, wie sich aus diversen deutlichen Anleihen Wagners an Stirner in Briefen aus den 1840er Jahren ersehen lässt ...

Noch zwei Marginalien zum Schluss:

- Stirner habe „Marx und Nietzsche nur insofern beeinflusst, indem sie ihre Lehre gegen seine abstrusen Ideen entwickelten.“ Was Nietzsche angeht, so ist Herr Müller unverkennbar nicht auf der Höhe der Diskussion, denn dass Nietzsche auf Stirner aufbaute, und zwar buchstäblich positiv „auf-baute“ (und keineswegs nur negativ „seine Lehre gegen Stirner entwickelte“), kann mittlerweile als gesichert gelten. Siehe Bernd A. Laska: Nietzsches initiale Krise - Die Stirner-Nietzsche-Frage in neuem Licht; nachzulesen im Internet.

Nun ja, und wenn Marx und Engels ihre Lehren ausdrücklich „gegen Stirner entwickelten“, so lässt das doch den Schluss zu, dass Stirner zumindest genug „Angriffsfläche“ zum „Dagegen-Entwickeln“ bot – und dass Marx und Engels ihn überhaupt für würdig und „substantiell“ genug erachteten, sich eingehend mit ihm auseinanderzusetzen. Womit wir wieder bei Stirners vermeintlicher Belanglosigkeit wären – nun ja...

- „Völlig hemmungslos stellte Stirner das eigene Ich über alles in der Welt“. Ist Stirner tatsächlich „hemmungslos“, oder spricht aus dieser Formulierung Müllers nicht der gleiche Fehlschluss wie aus den Aussagen eines Moses Heß, eines utopischen Sozialisten, der Stirners Egoismus-Begriff so nahm, wie man ihn damals wie heute versteht: als Ellenbogenmentalität? In „Stirners Rezensenten“ hat Stirner nochmals versucht, seinen Egoismus-Begriff deutlicher zu machen, eben weil z. B. jener Heß diesem Begriff gründlich missverstand.

Stirner: »Mehr Aergerniß noch als an dem Einzigen nehmen die Recensenten an dem ,Egoisten’. Statt auf den Egoismus, wie er von Stirner aufgefaßt wird, näher einzugehen, bleiben sie bei ihrer von Kindesbeinen an gewohnten Vorstellung von demselben stehen und rollen sein allem Volke so wohlbekanntes Sündenregister auf. Seht hier den Egoismus, die gräuliche Sünde – den will uns Stirner ,empfehlen’! ... Heß fragt: ,Was ist zunächst der Egoismus überhaupt, und worin besteht der Unterschied zwischen dem egoistischen Leben und dem Leben in der Liebe?’ – Schon diese Frage zeigt seine Verwandtschaft mit den beiden Vorhergehenden. Wie kann gegen Stirner ein solcher Gegensatz von egoistischem Leben und Leben in der Liebe geltend gemacht werden, da sich bei ihm beide vielmehr vollständig vertragen? Heß fährt fort: ,das egoistische Leben ist das mit sich zerfallene, sich selbst verzehrende Leben der Thierwelt. Die Thierwelt ist eben die Naturgeschichte des mit sich zerfallenen, sich selber zerstörenden Lebens überhaupt, und unsere ganze bisherige Geschichte ist nichts als die Geschichte der socialen Thierwelt. ... – Die freie Concurrenz unserer modernen Krämerwelt ist nicht nur die vollendete Form des Raubmordes, sie ist zugleich das Bewußtsein der gegenseitigen, menschlichen Entfremdung. – Die heutige Krämerwelt ist die vermittelte, ihrem Wesen entsprechende, bewußte und principielle Form des Egoismus.‘

Das sind höchst populäre Characteristiken des Egoismus, und es ist nur zu verwundern, daß Stirner nicht selbst dergleichen einfache Reflexionen anstellte und sich durch die Betrachtung, wie einfältig, wie gemein und wie raubmörderisch der Egoismus sei, bestimmen ließ, dem häßlichen Ungethüm abzusagen.«

- Schließlich und endlich noch eines: „Es wird schon seinen Grund haben, warum Max Stirner nicht mehr in das öffentliche Interesse gerückt wurde.“ Die gibt es zweifellos – bestimmte Bayreuther Medien und kulturelle Institutionen bemühen sich ja sichtlich, Interesse gar nicht erst zu wecken oder, wenn es gleichwohl erwacht, durch Diffamierungen im Keim zu ersticken. Aber sei’s d’rum - Stolz auf eine Persönlichkeit und Wertschätzung ihres Erbes sind, wie die Geschichte der Stirner-Rezeption in Bayreuth und anderswo gezeigt hat, gottlob keine genormte Konfektionsware, und alle von Herrn Müller aufgebotene Beredsamkeit wird nichts daran ändern, dass es eben auch noch andere Maßstäbe als die seinen gibt.

Conclusio: Schreibt und sagt über Stirner, was Ihr wollt. Nennt ihn einen Egomanen, wertet ihn als gefährlich, als überschätztes Mittelmaß, als Schreibtisch-Revolutionär, als was Ihr wollt. Stirner hätte es ertragen, er wollte niemanden „bekehren“ (außer allenfalls zu sich, dem jeweiligen Leser, selbst) und nicht „everybody’s darling“ sein. Und die Stirner-Kenner, die von dem Bayreuther unter anderem auch Respekt vor der „Eigenheit“ des Anderen, und damit auch vor dessen abweichendem Denken, gelernt haben, werden das auch niemandem verübeln, zumal da dem Stirner-Kenner gewisse „Anbeter“, die in Stirner den Scheitelpunkt aller Philosophie und in seinem Buch eine neue Bibel sehen, auch sauer aufstoßen. Stirner verachtete jede „Heiligsprechung“ – was er über so manchen überschwänglich-penetranten Bewunderer gedacht hätte, kann man sich aus seinem Werk wie aus seinem Lebensweg unschwer erschließen. Unangenehm stößt es nur auf, wenn „Kritik“ nicht in einer zumindest elementaren Kenntnis des Werkes wurzelt – sondern aus dem hohlen Bauch quillt. Sollte Herr Müller aber gelegentlich einmal die Zeit finden, den „Einzigen“ zu lesen, so würden wir uns über eine derart fundierte Kritik – die sich dann vielleicht ein klein wenig anders läse als sein jüngstes Opusculum – aufrichtig freuen. In diesem Sinne auch von mir: nichts für ungut!

Paul Jordens